Worum geht es in „Tausend Milieus“?

Der Begriff des Milieus hat eine wechselvolle Geschichte, die sich immer wieder mit der des Medienbegriffs überkreuzt hat, sowohl auf dem Feld der Biologie und Ökologie, als auch dem der Soziologie und der Technikgeschichte. Auch die Medienwissenschaft wie wir sie kennen beginnt mit milieutheoretischen Überlegungen: Dringender Auftrag von Marshall McLuhans Klassiker Understanding Media (1964) ist die „synästhetische“ Neukalibrierung der Sinne unter den Bedingungen veränderter, hochtechnisierter „environments“. Tradition hat das Nachdenken über Medien und Milieus aber vor allem in der französischsprachigen Theoriebildung, von André Leroi-Gourhans Erforschung der „milieus techniques“ und Gilbert Simondons Erkundungen zur „Existenzweise technischer Objekte“ bis zu Gilles Deleuzes Versuch, „inmitten“, „in der Mitte“ bzw. „im Milieu“ zu denken. Die gleiche Linie eines Milieu-Denkens verbindet so verschiedene Ansätze wie Félix Guattaris „écosophie“, Régis Debrays Konzept der „mediospère“, Bruno Latours Neuformulierung von Gesellschaft als „Versammlung“ von „Hybriden“ und Bernard Stieglers phänomenologisch inspirierte Technikökologie.

In der deutschen Medienwissenschaft spielte der Begriff des Milieus dagegen lange keine Rolle, was wahrscheinlich daran lag, dass er als ‚zu weich‘ empfunden wurde, um der Dramatik des Satzes „Medien bestimmen unsere Lage“ (Friedrich Kittler) gerecht zu werden. Tatsächlich lässt sich eine Beschreibung, die Medien als „Hardware“, „Struktur“ oder „Gestell“ fasst und von einer mechanischen Kausalität zwischen Technik und Sozialem ausgeht, kaum mit der Vorstellung eines medialen ‚Milieus‘ verbinden, in dem man es mit wechselseitigen und nicht vorherbestimmbaren Wirkungsmächten und Effekten zu tun hat. Dass heute auch in der deutschen Medienwissenschaft und Kulturtechnikforschung über den Milieubegriff nachgedacht wird, hat also zweifellos etwas mit der nachlassenden Konjunktur technikdeterministischer Enthüllungsgeschichten zu tun; es hat aber auch damit zu tun, dass die einst skandalöse Vorstellung, in einer Art ständigen Säftetauschs mit technischen Dingen zu leben, zu einer vertrauten Realität geworden ist. Die Ringvorlesung will den Milieubegriff nicht vorschnell definitorisch einengen oder als neues Masterkonzept für die Medienwissenschaften reklamieren. Wie der Titel „Tausend Milieus“ andeutet, geht es vielmehr darum, aus einer größtmöglichen Zahl von unterschiedlichen Perspektiven danach zu fragen, was das Denken in Milieus auf unterschiedlichen Feldern des Wissens geleistet hat – und was von ihm für medienwissenschaftliche Fragestellungen erwartet werden kann.